Buchcover Die theatralischen Tonbänder des Leonhard Thynn

Leseprobe aus "Die theatralischen Tonbänder des Leonhard Thynn" (1993)

"The theatrical tapes "

Gut, können wir bitte weitermachen. Vernon und Charles - Traum hin oder her. Erzählt uns bitte einfach, welche Idee ihr habt.
VERNON In Ordnung. Also im Grunde geht's um diesen Typ in einer Kneipe, der mit einem anderen Typ redet. Wir dachten, eine Kneipe ist irgendwie besser, weil sie ein Stückweit echt ist und - na ja, einfach echt, und wenn's eine Sache gibt, die wir unbedingt haben wollen, ist, daß es ein Stückweit echt ist, darum haben wir gedacht, es sollte in einer Kneipe sein, damit's echt echt ist.
A. P. (mit nachlassender Geduld) Ja' Und...?
VERNON Der eine ist Christ und heißt Dave, und der andere ist Nichtchrist und heißt Bart, und die beiden haben einfach so eine richtige natürliche Unterhaltung über einfach ein Stückweit den Glauben, nicht wahr, Charles!
CHARLES Ja, es ist irgendwie echt wirklich ein Stückweit einfach natürlich, einfach wie ein wirklich echter natürlicher äh... eine echte Unterhaltung eben.
VERNON Wir machen euch einfach mal vor, was wir irgend wie so geschrieben haben, ja? Ist noch nicht lang genug, aber wir können es leicht ein Stückweit ausschmücken, wenn - wenn wir aah... wenn es nötig ist. Ich bin Dave, okay? Und Charles ist Bart, nicht wahr, Charles?
CHARLES Ja, ich bin irgendwie einfach richtig echt ein Stückweit Bart.

(Manuskriptgeraschel)

VERNON Also, es fangt irgendwie damit an, daß Bart ein Stückweit alleine in der Kneipe sitzt und irgendwie einfach mit sich selbst redet. Richtig, Charles, sobald du irgendwie so weit bist, Charles. (flüstert) Ich komm' bald rein, aber nicht gleich irgendwie ganz am Anfang einfach...
CHARLES (Zungenschnalzen und Seufzen) Mist! Pah! (Seufzer) Ich weiß nicht! Mein Leben geht nicht sehr gut! Ich habe heute abend schon drei große G1aser Alkohol in mich aufgenommen, und ich werde wahrscheinlich noch viel mehr trinken, bevor ich nach Hause gehe. Pah! (Seufzer) Mist! Was ist überhaupt der Sinn des Lebens? Wenn ich nur irgend etwas sehen könnte! Ich sehe beispielsweise im Moment keinerlei Grund, nicht zu sündigen. Ich könnte auf der Stelle eine Zigarette rauchen oder mich einer Dame gegenüber unziemlich benehmen. Kein Wunder, daß sich Menschen wie ich einem Leben der Kriminalität zuwenden. Entwurzelt und unwissend, wie wir sind, geraten wir in schlechte Kreise und merken nicht, daß wir uns mit jedem Schritt weiter von Gott entfernen, über den wir nichts wissen. Barmann, hiermit bestelle ich noch ein Alsterwasser, und ich meine, keins für kleine Kinder! (Schnalzen, Seufzen) Mist! Pah!
VERNON (klingt wie Baden-Powell, der eine Rede vor einer Pfadfinderversammlung hält) Guten Abend, mein Freund. Darf ich mit Ihnen zu Tische sitzen. Ich will Ihnen meine Gesellschaft nicht aufnötigen, da dies häufig Abwehr hervorruft, die den Hörer gegenüber der beabsichtigten Mitteilung des Evangeliums verhärtet.
CHARLES Etwas an Ihrer Sensibilität zieht mich an, obwohl ich im Morast gottloser Selbstversunkenheit versumpft bin. Setzen Sie sich, falls Sie es wünschen. Aber - ich muß schon sagen, Sie sind vielleicht ein komischer Kauz! Halten Sie nicht ein Glas Orangenlimonade in der Hand? Ha ha, Sie sind kein Mann der Wellt, wie ich es bin. Ich trinke bereits das dritte Glas Alsterwasser, aber - pah! - wer zählt schon? (Seufz)
VERNON Ich rechne es mir zur Freude, Ihren Spott zu erleiden. Ich bedarf nicht der Grundlage eines berauschenden Mediums, um die Freude hervorzubringen, die aus dem Inneren quillt. Können Sie nicht an meinem Gesichtsausdruck ablesen, daß ich aus anderen Quellen schöpfe als solchen? (verzieht den Mund zu einer abscheulichen, verknitterten Grimasse)
GERALD (lehnt sich vor, um mir etwas ins Ohr zuflüstern) Wenn mich in einer Kneipe jemand so angrinsen wurde, wurdest du von mir bloß noch 'ne Staubwolke sehen ...
A. P. Pscht!
CHARLES Jetzt, da Sie es erwähnen, bemerke auch ich eine fast sichtbare Aura von Freude, Friede und Zufriedenheit um Sie herum. Worauf fuhren Sie dieses Phänomen zurück?
VERNON Nein, nein, mein Freund, lassen Sie uns zunächst über Ihr Leben und Ihre Arbeit reden, über Ihre Hobbys und Interessen. Auf diese Weise gehen wir eine lockere, natürliche Beziehung ein - eine Grundlage, auf der sich eine Freundschaft aufbauen laßt, die nicht ausschließlich Ihr Seelenheil betrifft. Die Heilige Schrift unterstützt diesen methodischen Ansatz.
CHARLES Ich bin Schweißer, und ich wurde kürzlich entlassen. Gegenwärtig erscheint mir das Leben nicht lebenswert. Mist! Pah! (Seufzer) Ich sitze hier bereits den ganzen Abend und versuche, meine Sorgen mittels Alkohol zu ertränken. Ich habe bereits drei G1aser dieses Teufelsgebräus konsumiert. Es ist Alsterwasser, und ich meine, keins für kleine Kinder. Aber genug von mir. Jetzt, da wir enge Freunde sind und Sie bewiesen haben, daß Sie an mir als Person interessiert sind und nicht nur als einer Art geistlichem Skalp, erzählen Sie mir doch vom Ursprung jener Liebe, jener Freude und jenes Friedens, die Ihnen entströmen wie ein Fluß.
GERALD (wiederum flüsternd) Jawohl! Was hat er in seine Limo gekippt?
A. P. Pscht!
VERNON Da Sie mich fragen, mein Freund, will ich es Ihnen sagen. Ich bin Christ, und die Freude, deren Zeuge Sie sind, ist das Ergebnis erlösenden Leidens, das vermöge einer göttlich implantierten geistlichen Vision ergriffen, genährt und entwickelt wurde durch planmäßige und gründliche exegetische Studien.
CHARLES Das habe ich noch nie so einfach erklärt gekriegt. Oh, daß doch auch ich diesen schlichten Glauben teilen könnte. (Seufzer)
VERNON Aber Sie können ihn teilen, mein Freund! Sie können es in der Tat! Sie müssen sich jetzt entscheiden zwischen Alsterwasser und Gott. Wahlen Sie Gott, und Sie werden wie ich.
GERALD (weiteres Flüstern) Dann schnell zurück zum Alsterwasser, nehme ich an.
A. P. Pscht!
CHARLES Ich schwöre dir ab, o Teufelsbräu! Ich wähle Gott! (Pause) Das Freudengefuhl, das mich urplötzlich durchströmt, ist in der Tat weitaus mächtiger und subtiler als dasjenige, das durch exzessiven Alsterwasserkonsum ausgelöst wird, selbst wenn's nicht die Sorte für kleine Kinder ist. Ich danke Ihnen, mein Freund, für Ihre Worte.
VERNON (selbstgefällig) Nicht ich, mein Freund, sondern Der, Der durch mich spricht.
CHARLES Und was jetzt, mein Freund?
VERNON Nun, montags treffen wir uns zur Bibelstunde, am Mittwochabend ist Gemeindeversammlung, am Donnerstag beginnt ein neuer Glaubenskurs - es wird nötig sein, daß Sie daran teilnehmen. Freitagabend fahrt ein Bus zu John Wimber, am Sonnabend halten wir eine ganztägige Konferenz über unsere missionarischen Aktivitäten im kommenden Jahr, am Sonntag ist vormittags Gottesdienst, mittags gibt es ein aserbeidschanisches Essen, und am Abend ist Abendmahlsfeier.
CHARLES Endlich frei!
(Geräusch zweier klatschender Menschen. Es handelt sich um Vernon, der Charles applaudiert, und um Charles, der Vernon applaudiert. Eine kurze Stille folgt)
Alle Textrechte liegen beim Brendow Verlag. Abbildung hier mit freundlicher Genehmigung.


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